
"Im Januar 1998 begann ich meine Arbeit als Leiterin der Wohnhäuser im Johannistal.
Die bereits erwähnten Veränderungen auf dem so genannten Hilfemarkt hatten in dem letzten Jahrzehnt eine rasante Entwicklung genommen und auch nicht vor den Türen der Wohnhäuser im Johannistal halt gemacht. Die Bewohner und Bewohnerinnen wurden nicht mehr nur über die Behindertenhilfe (heute SGB XII), sondern auch über die Jugendhilfe (SGB VIII) in den Wohnhäusern untergebracht.
In den Wohnhäusern lebten mittlerweile geistig behinderte mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen zusammen und ohne es bewusst geplant zu haben, entstand durch die Entwicklung in der öffentlichen Sozialarbeit eine Integrative Wohngruppenarbeit. Und anders als in unserer Gesellschaft üblich, verlief diese Integration einmal andersherum, denn dadurch, dass die Arbeit mit geistig behinderten Kindern begonnen hatte, mussten sich nun die normal begabten, aber verhaltensauffälligen Kinder, die neu in die Gruppen der geistig behinderten Kinder kamen, integrieren.
Das Ziel der Arbeit mit allen Kindern und Jugendlichen ist es, ihnen zunächst einen sicheren Ort innerhalb einer Gemeinschaft zu bieten, an dem ihnen Bedingungen für eine positive Entwicklung in ein zufriedenes, möglichst selbständiges und selbstbestimmtes Leben vorgehalten werden.
Trotz der unterschiedlichen Handicaps haben alle Kinder gleiche und für eine gelingende Entwicklung notwendige Grundbedürfnisse wie z.B.: regelmässige Mahlzeiten, Sicherheit in Beziehungen zu den Erwachsenen und in der Gruppe, Verlässlichkeit, strukturierte Abläufe, Lernen in einer sozialen Gruppe etc.. Geistig behinderte Kinder benötigen oft mehr Zeit, um die Verrichtung von alltäglichen Aufgaben zu erlernen, während den verhaltensauffälligen Kindern oftmals ihre psychische Befindlichkeit im Wege steht. Das gemeinsame Ziel ist das Erreichen von Selbständigkeit, der Weg dorthin bleibt individuell und das wird für alle Gruppenmitglieder sichtbar. Die Kinder und Jugendlichen lernen ihre Unterschiedlichkeit zu benennen, wertzuschätzen und in der Gruppe zu nutzen. Der Entwicklungsprozess wird selbstverständlich von den pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern initiiert, beobachtet und fördernd begleitet.
Eine weitere Entwicklung war die Einbindung der Eltern in die Arbeit mit den Kindern.
Alle Kinder, die in den Wohnhäusern lebten und aus unterschiedlichen Gründen keinen Kontakt zu einem oder beiden Elternteil hatten, stellten verständlicherweise irgendwann die Frage nach ihren Eltern, nach ihren Wurzeln. Diese Frage konnte emotional so raumgreifend sein, dass sie die Entwicklung des Kindes oder Jugendliche blockiert war und stagnierte. So begaben wir uns gemeinsam mit den Kindern oder Jugendlichen auf die Suche und begleiteten den oft nicht leichten Weg.
Aus den Erfahrungen, die wir mit den Kindern machen durften, entstand unser heutiger Blick auf die Voraussetzungen für einen gelingenden Entwicklungsprozess eines Kindes in einer außerfamiliären Unterbringung wie den Wohngruppen.
Das Kind muss wissen, dass die Eltern mit der Unterbringung einverstanden sind, dass es sich den pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anvertrauen darf und dies keinen Verrat an den Eltern darstellt.
Das Systemische Arbeiten begann und gehört mittlerweile selbstverständlich zu unserem Handwerkszeug.
Um unsere Arbeit zu finanzieren, bekommen wir die sogenannten Pflegesätze von den oben genannten Kostenträgern und werden über die der Margarete-Wehling-Stiftung erwirtschaften Kapitalerträge abgesichert.
Durch den Einbruch an den Aktienmärkten im Jahre 2001 wurde unser bisher sicheres und behütetes Arbeiten erschüttert.
Da wir uns aufgrund der Arbeit unseres Trägers und der damit für uns einhergehenden finanziellen Absicherung bisher keine Gedanken über die Refinanzierung unserer Konzepte machen mussten, traf uns die Entwicklung völlig unvorbereitet.
Die Finanzierung der Kostenträger reichte nicht aus, um die laufenden Kosten der Wohnhäuser zu begleichen und die Arbeit konnte nur mit großer finanzieller Unterstützung des Trägers weitergeführt werden.
Um aus dieser durch äußere Unberechenbarkeiten anfälligen Situation einen Ausweg zu finden, wurden in Zusammenarbeit mit dem geschäftsführenden Vorstand neue Konzepte zur gesicherten Weiterführung der Arbeit entwickelt.
Es wurde deutlich, daß durch das Betreiben der Wohngruppen in zwei zwar sehr schönen, aber eben doch älteren Häusern erhebliche Kosten entstanden. Auch eine Erweiterung der Platzzahl war nicht möglich, da die räumlichen Kapazitäten beider Häuser erschöpft waren und die Villa zudem auch noch unter Denkmalsschutz stand. Bauliche Veränderungen konnten also nicht stattfinden und dies bedeutete, dass ein neuer Standort für die Arbeit gefunden werden musste.
Nach langer Suche erfuhren wir im Oktober 2005 von dem Leerstand der alten Leineweber-Schule in Bielefeld-Babenhausen. Nach ersten Besichtigungen des Geländes erschien uns das Gebäude mit dem dazugehörige weitläufige Gelände ausgesprochen geeignet für unsere Arbeit. Auch die Lage am Stadtrand von Bielefeld, in einer ländlich wirkenden Gemeinde entsprach unseren Vorstellungen.
Nach Gesprächen mit der Stadt Bielefeld als Eigentümerin und genauer Prüfung des Gebäudes war klar, daß die alte Schule ein idealer Ort für die Weiterführung der Arbeit mit den Kindern war. Doch ohne die Zustimmung des Landesjugendamtes Münster und des Jugendamtes Bielefeld konnten die Planungen nicht weitergehen. Es wurden Gespräche geführt, das Objekt wurde gemeinsam besichtigt und als sehr geeignet für die Arbeit bewertet.
Für die Umsetzung mussten nun Konzepte verschriftlicht und Leistungs- und Qualitätsentwicklungsbeschreibungen entwickelt werden. Dann folgte die Kalkulierung der Kosten, um über die Umsetzung zu entscheiden.
In der Beiratssitzung am ... wurde der Kauf der Alten Leineweber beschlossen und die spannende Zeit der baulichen Planung konnte beginnen. Mit viel Freude begann die Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Kegel in Bielefeld. Es entstanden zwei Wohngruppen für Kinder und Jugendliche und vier Einzelwohnungen zur Verselbständigung von Jugendlichen und junge Erwachsenen. Alles unter einem Dach. Zudem gaben die räumlichen Bedingungen auch die Möglichkeit, weitere Räume für Freizeitaktivitäten zu planen.
Während der Umbauphase wurden die Kinder und Jugendlichen durch Besuche an der Baustelle, Planung der Farben im eigenen Zimmer, Picknik mit den Eltern an der Baustelle, Erkunden des Ortteils etc. mit einbezogen."
Einrichtungen und Förderprojekte der Margarete-Wehling-Stiftung